Wir sind 86/60. Oder: Wie mein Mentor zu meinem Geschäftspartner wurde

Vor über einem halben Jahr habe ich mit meinem Kollegen Michael Holzer ein neues Unternehmen gegründet: 86/60. Nach langjähriger Zusammenarbeit und Freundschaft war dieser Schritt nicht ganz einfach. Michael, 26 Jahren älter als ich, war mein Mentor. Ich arbeitete viel für ihn, lernte noch mehr und setzte ihm als Mentor einen gewissen Heiligenschein auf. Mit ihm in eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu kommen, war für mich also ein spannender Prozess. Hier erzähle von dieser Zeit des Übergangs.

Wie alles begann

Michael und ich kennen einander seitdem ich im Sommer 2006 ein Praktikum bei ihm absolviert habe. Damals hatte ich gerade mein erstes Studienjahr abgeschlossen und wollte mehr über den realen Alltag als Gestalter lernen und wie man Kunden für gutes Design sensibilisiert. Das konnte ich bei Michael erfahren, bekam von Anfang an Verantwortung und spannende Aufgaben, aber vor allem fand ich in Michael einen Mentor. Mit seiner Erfahrung und seinem strategischen Denken gab er mir Hilfestellung bei vielen praktischen Dingen, wie beim Umgang mit Kunden, Planen von Prozessen oder Fällen von Entscheidungen.

Gestärkt durch die Erfahrungen bei Michael und noch während meines Studiums machte ich mich im anschließenden Frühjahr 2007 selbständig. Ich startet mit meinen eigenen ersten Kunden, arbeitete aber auch immer wieder an Projekten von Michael mit ihm gemeinsam. Mit den Jahren wurden die Aufgaben und Projekte größer und wir wurden zu einem richtig guten Team. Immer wieder waren wir uns einig, dass wir doch mehr zusammen machen sollten. Wie dieses „mehr“ sein könnte, war uns aber nicht ganz klar und so blieb es bei der projektbezogenen Zusammenarbeit.

Ein Leben in einer größeren Agentur als Angestellter kam für mich nicht in Frage. Andererseits wollte ich aber auch nicht mehr alleine weitermachen.

In den letzten Jahren wurde ich etwas unzufrieden mit meiner beruflichen Situation. Etwa vierzig Prozent arbeitete ich für andere Büros als freier Art Director, die restlichen sechzig Prozent direkt für meine Kunden. Das Freelancen machte mir Spaß, doch ich wollte auf keinen Fall in eine einer Agentur in eine Anstellung gehen oder mich mehr an eine binden. Mir war und ist es wichtig meine eigenen Weg zu gehen. Andererseits wollte ich aber auch nicht mehr alleine weitermachen. Nach sechs Jahren alleine sah kaum noch Entwicklungsraum für mich und kein Potenzial für Wachstum. Und jemanden anzustellen kam für mich überhaupt nicht in Frage, ich möchte nicht die Verantwortung übernehmen jemand anderen finanzieren zu müssen. Ich möchte bei meinen Entscheidungen für Projekte frei bleiben.

Vom Mentor zum Partner

Zum Jahreswechsel 2013/2014 setze ich mir zum Ziel mich beruflich neu auszurichten (was auch immer das damals heißen mochte). Jedenfalls war ich wachsam auf mögliche Veränderungen. Und die kamen. Anfang 2014 kam ein Projekt zum Redesign einer Website, bei dem sich die Kundinnen wünschten, dass auch Michael im Team ist (er hatte sie früher betreut und ich habe sie vor zwei Jahren von ihm übernommen). Ich dachte das würde sicher wie immer reibungslos laufen, da wir ja seit langem zusammenarbeiten. So war es dann aber doch nicht ganz und ich war irritiert, warum es auf einmal mit Michael gemeinsam schwerer war, als sonst.

Ich beschäftigte mich lange damit, bis mir plötzlich auffiel, was der Grund war, warum Michael und ich nicht schon früher als Partner zusammen arbeiteten. Bisher war Michael mein Freund und Mentor. Ich arbeitete für ihn, nicht er für mich. Es waren immer seine Projekte, er holte mich dazu. Auch wenn ich immer stark involvierte war, hatte Michael die Führung. Und bei diesem Projekt hatte sie auf einmal ich, nicht er. Eine für mich ungewohnte Situation.

Dabei war es nicht Michael, der die Führung nicht abgeben konnte oder wollte, ich konnte sie einfach nicht nehmen. Denn mein Bild von ihm als „unfehlbarer“ Mentor war so stark, dass es mich zurückhielt meine eigenen Potenziale zu leben. Ich musste ihn erst einmal von dem Heiligenschein, den ich ihm aufgesetzt hatte befreien, um auch seine Schwächen sehen zu können. Dadurch wurden mir meine Stärken deutlicher bewusst und schließlich worin wir einander unterschieden und ergänzen konnten. Dieser Prozess fiel mir anfangs schwer, doch es war absolut notwendig, damit wir als Partner nun gleichwertig zusammenarbeiten können.

Aus Zeichenschatz und Einvoll wird 86/60

Wir hatten das Thema am Tisch und wussten, was uns die Jahre zuvor abgehalten hatte mehr zusammen zu arbeiten. Froh über diese Erkenntnis war es auf einmal ganz klar, dass wir ein neues Unternehmen zusammen gründen werden. In vielen Treffen haben wir sehr gründlich über unsere jeweiligen Vorstellungen geredet, denn eine solide Partnerschaft kann nur mit absoluter Ehrlichkeit beginnen. Im Anschluss folgte die formalen Grundlagen. Wir setzen einen Gesellschaftsvertrag auf, gründeten eine OG und informierten unsere Kundinnen und Kunden über die Fusion.

Die Partnerschaft verändert alles – der Blick auf die Dinge ändert sich, auch die Verantwortung.

Mittlerweile arbeiten wir seit Juni 2014 offiziell als 86/60 und haben bereits einige Projekte in dieser neuen Konstellation abgeschlossen. Anfangs dachte ich, die Zusammenarbeit wäre wie vorher, doch die Partnerschaft verändert alles. Der Blick auf die Dinge ändert sich, auch die Verantwortung. Ich bin nicht mehr alleine meinen Kundinnen und Kunden und mir gegenüber für mein Handeln verantwortlich, ich bin es auch Michael gegenüber und er mir. So gesehen ist es komplexer geworden.

Doch die vielen Vorteile und Vereinfachungen überwiegen den anfänglichen Herausforderungen. Wir sind zu zweit flexibler in größeren Projekten, unsere Kapazitäten sind gewachsen und wir können einander vertreten, wenn der eine nicht da ist. Aber am wertvollsten ist, worin wir einander ergänzen, persönlich wie handwerklich. Michael hat z.B. ein wunderbares Gefühl für Fotografie, Film und Bildsprache, ich für Layout, Typografie und Kalligrafie. Es ist schön einen Partner zu haben mit dem die Projekte gemeinsam besser werden, wir uns gemeinsame Ziele setzen können und gemeinsam wachsen.

Auch nach über einem halben Jahr gibt es Dinge, die sich noch einspielen müssen, andere Herausforderungen, auf die wir stoßen, neue Abläufe, die wir definieren müssen. Das wird es wahrscheinlich immer geben und das ist gut so. Und es funktioniert, weil es uns beiden wichtig ist, dass wir uns weiterentwickeln.

26 Jahre trennen uns, gleiche Werte verbinden uns und verschiedene Talente ergänzen uns. Als 86/60 sind wir stärker, haben einen weiteren Blick und viel mehr Potenzial. Es tut mir nicht leid um Zeichenschatz, es war einfach Zeit für den nächsten Schritt. Ich schaue voll Stolz zurück und voll Freude nach vorne. Wir sind 86/60. Freunde gepflegter Kommunikation.

Oliver
Ich bin Grafik- und Kommunikationsdesigner, arbeite selbständig und als Freelancer. Dabei gestalte ich Logos, Corporate Designs, Visitenkarten, Broschüren, Flyer und alles was so gestaltet werden will.

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