Typo Berlin 2011 – Mein Rückblick, Tag 2

Wie jedes Jahr vor der Typo Berlin schwirren mir viele Fragen durch den Kopf. Und wie jedes Jahr hoffe ich auf der Typo ein paar Antworten für mich finden zu können. Letzten Dezember habe ich mich entschieden, mir diesen Sommer sechs Wochen Weiterentwicklungszeit zu nehmen, um nicht auf meinen Fähigkeiten sitzen zu bleiben. Wie ich diese Zeit aber nutzen möchte, war mir noch nicht ganz klar. Dank dem zweiten Typo-Tag sind meine Vorstellung dazu nun schon konkreter geworden …

Typo Berlin 2011 – Mein Rückblick, Tag 2

Jost Hochuli – Bauhaus, Zürich, Basel – und einiges daneben

Der Tag begann mit einem wunderbaren Vortrag der alten Schule vom Schweizer Jost Hochuli, den ich wegen diesem großartigen Werk bereits kannte und schätze. Ich wusste nicht, wie scharf und tief damals der Konflikt zwischen Helvetica-Schöpfer Max Miedinger und Typografie-Veteran Jan Tschichold in den 50er- und 60er-Jahren war. Ein spannendes Detail zur Historie: erst die Entwicklung von Adrian Frutigers Univers trieb die Haas’sche Schriftgießerei zur Gestaltung der Helvetica.

Jost Hochuli book signing
Jost Hochuli, Foto: Dan Reynolds

Heiko Scherer – Storytelling auf dem Tablet

Ein eher technischer aber dafür sehr informativer Vortrag von Heiko Scherer. Hier ein paar Essenzen:

  • App-Downloads sind nicht gleich User, denn mit dem Runterladen ist man schnell, ob man die App dann auch regelmäßig verwendet, ist eine andere Sache.
  • Das iPad ist der erste „Lean-Back-PC“
  • SoLoMo – Social, Local, Mobile als wichtigstes Thema für die nächsten Jahre
  • Die InDesign-Export-Funktion fürs iPad ist auf Dauer (auch wegen der enormen Dateigröße) nicht wirklich das Gelbe vom Ei.

Heike Nehl & Sibylle Schlaich – Global Shift und wegweisende Identitäten

Heike Nehl und Sibylle Schlaich von Moniteurs hielten einen wunderschön vorbereiteten Vortrag über die Gestaltung des Orientierungssystems des sich gerade im Bau befindenden Flughafens Berlin Brandenburg. Dabei holten sie richtig weit aus. Zuerst zeigten sie die Ursprünge der Flughafengeschichte mit samt der Beschilderung, um dann schließlich ihre Lösung für den neuen Flughafen vorzustellen. Auch wenn die Präsentation wunderbar vorbereitet war und die Beispiele sehr gelungen, spürte man leider die starke Nervosität der Vortragenden. Und das drückte die Atmosphäre doch ziemlich.

Martin & Thomas Poschauko – Nea Machina

Mein persönlicher Höhepunkt der Typo 2011. Die beiden bayrischen Brüder Martin und Thomas Poschauko haben innerhalb von fünf Monaten aus einem Protraitfoto und dem Wort Nea Machina über 1.000 Gestaltungsvariationen geschaffen und den Weg zu vielen davon transparent in ihrem Buch dokumentiert. Sie wollten wissen, wie sie kreativ funktionieren und haben dabei ihre Fähigkeiten erweitert. Dieser Vortrag war somit natürlich unglaublich wertvoll für meine geplante Entwicklungszeit.

Martin und Thomas Poschauko, Nea Machina, TYPO Berlin 2011
Martin und Thomas Poschauko, Foto: Gerhard Kassner

Hier ein paar Essenzen daraus:

  • Mut haben der persönlichen Wahrnehmung nachzugehen und diese in Gestaltung zu transferieren. Nur so kann man sie auch anderen ersichtlich machen.
  • Werkzeugwechsel schafft Perspektivenwechsel.
  • Kopf, Bauchgefühl, Hand und Computer arbeiten nicht gegeneinander, sie ergänzen einander.
  • Lass dir helfen vom Material, von deiner Umgebung und von anderen.

Das Schönste aus diesem Vortrag war für mich die Erkenntnis, dass sich die Photoshop und die Bastelwelt großartig ergänzen können. Es gibt nicht dieses dogmatische Handmade vs. Computermade. Es gibt alles auf einmal.

Markus Hanzer – Schöpfungsgeschichten

Wie bei Robert Reuß war die Vorlesung der Vortrag von Markus Hanzer sehr kopflastige. Der Kontrast zu den lebendigen Poschauko-Brüdern war so natürlich enorm und ich habe bestimmt nur dreißig Prozent des Inhaltes verarbeiten können. Dennoch hat mir der Vortrag sehr gut gefallen und gerne hätte ich über jeden Satz noch etwas länger nachdenken wollen. Besonders interessant für mich war der Satz „Kultur muss sich jede Generation neu aneignen“.

Mein Fazit vom zweiten Tag

Großartig! Eine ausgewogenen Mischung zwischen Designtheorie, Typografie, Tablet, ein schöner Schwerpunkt auf Orientierungssysteme und wundervolle Inspiration von Martin und Thomas Poschauko. Ich werde hart daran arbeiten die in mir ausgelöste Motivation und Neugierde so gut wie möglich bis zum 12. Juli 2011 zu halten. Denn für dieses Datum ist meine Entwicklungszeit angesetzt. Danke für diesen tollen Tag!

Oliver
Ich bin Grafik- und Kommunikationsdesigner, arbeite selbständig und als Freelancer. Dabei gestalte ich Logos, Corporate Designs, Visitenkarten, Broschüren, Flyer und alles was so gestaltet werden will.

4 Kommentare

  1. Leider (und auch logischerweise) war es auf der Typo sofort vergriffen. Aber natürlich werde ich mir besorgen!

  2. Hi! Wollte fragen was es mit dieser „Entwicklungszeit“ auf sich hat? Würde auch gerne sowas machen, aber wie regelst du das mit deinem Arbeitgeber? LG! 🙂

  3. @Gilbert: Ich habe ja ansich keinen „Arbeitgeber“ im klassischen Sinn, da ich ja selbständig bin. Meine Kundenprojekte sind für die Zeit pausiert, meine Arbeit bei Ferrás ist natürlich auch unterbrochen und da werde ich dann auch (falls nötig) vertreten. Werde demnächst aber auch mehr über das Thema bloggen!

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