Zwischen Euphorie und Gelähmtheit

Schon länger habe ich nicht geschrieben, wie es in meiner Entwicklungsauszeit voran geht. Ich muss sagen – es ist so ein auf und ab, denn bisher habe ich meinen Rhythmus anscheinend noch nicht gefunden.

Viele Projekte auf meiner Liste

Ich hatte über die letzten paar Monate Projekte gesammelt, die ich gerne umsetzen möchte. Es wurde eine ganz schön lange Liste mit ganz schön vielen Projekten. Und das schient mich auch schon vom ersten Moment an zu blockieren. Ich konnte mich erst am fünften Tag meiner Auszeit dazu aufraffen die Liste anzuschauen und die mir wichtigen Projekte rauszuschreiben. Plötzlich hatte ich einen Stapel von Aufgaben vor mir liegen, die abgearbeitet werden wollten. Und das lähmte mich erst einmal und ich verfiel eher ins Nichtstun vorm Fernseher oder teilte mich mit Freizeitverpflichtungen ein. Ich konnte mich nicht wirklich motivieren irgendetwas von dieser Liste anzugehen.

Nichts umsetzen müssen

Es half ein kurzes Gespräch mit Michael, der wie immer detektivisch genau erkannte, woran es lag: ich setze wieder nur Projekte um. Wo ist dabei der Unterschied zu meinem Arbeitsalltag, außer, dass nicht meine Kunden sondern ich die Projekte bestimme? Soll ich in meiner Auszeit wirklich dem selben Arbeitsrhythmus nachgehen? Eigentlich geht es nicht darum wieder Endprodukte zu erhalten, das kann ich ja ohnehin gut. Es geht viel mehr darum mich mit den Dingen zu beschäftigen, die mich schon lange interessieren, für die ich mir aber im Alltag nie Zeit nehme.

Das hat mich mal zurück an den Start geworfen und dabei neue Perspektiven eröffnet – was wollte ich denn schon lange mal machen oder erfahren, nicht umsetzen? Wie meinen Stapel großartiger ungelesener Zeitschriften und Bücher zu lesen, mal wieder ins Museum gehen, mich noch intensiver mit Kochen auseinander setzen, das Thema Möbeldesign, Kalligrafie, einfach blöd herumzukritzeln, sinnlose Postkarten basteln, und, und, und.

Es geht nicht darum Dinge umzusetzen, sondern Raum zu schaffen mich mit den Dingen beschäftigen, die mich interessieren.

Diese Erkenntnis war eine echte Erleichterung für mich. Doch sie dann auch in die Tat umzusetzen und zu leben, ist eine andere Sache.

Auch Freiraum braucht Struktur

Zumindest für mich. Wenn ich nämlich schon so viele lockere Möglichkeiten habe, passiert es schnell, dass ich denke, ich würde meine Zeit verplempern. Deshalb habe ich begonnen (im Sagmeister-Style) einen Stundenplan mit meinen Wunschbeschäftigungen aufzustellen. Somit setzt ich sinnvollerweise eine Grenze zwischen Entwicklungszeit und Freizeit. Im Stundenplan steht dann genau womit ich mich wann beschäftige. Und wenn es nur eine Stunde in die Luft schauen ist. Dann wäre diese Stunde einfach dafür gedacht genau das zu machen, das wäre die Aufgabe dieser Zeit. Und damit wäre sie nicht verschwendet. Soweit zumindest die Theorie. In der Praxis fühlte sich das aber anders an.

Würde ich mich doch daran halten

Ich hab zwar einen schönen Plan, aber ich merke seit einer Woche, dass ich mich kaum daran halte. Ich kalligrafiere nicht eine Stunde sondern vier. Und viele Dinge am Stundenplan mach ich gar nicht. Und das macht mir ein schlechtes Gewissen und stellt den Plan in Frage. Vielleicht sind die falschen Dinge am Plan, wenn ich sie nicht machen möchte? Viel lieber verkomme ich wieder beim Fernsehen oder verabrede mich mit Freunden.

Die Angst sitzt im Nacken

Mich treiben zu lassen wäre vielleicht auch okay. Vielleicht brauche ich gerade genau das? Ich muss keine Ergebnisse liefern. Ich muss nur das machen, was mich interessiert. Das Problem ist nur, dass ich eher „nichts“ mache und glaube ich müsste mehr machen. Leider sitzt mir dabei die ständige Angst im Nacken meine kostbare Auszeit einfach zu verschwenden.

Es ist verdammt schwer für mich nichts umsetzen zu müssen. Woran messe ich denn dann meine Ergebnisse? Die Erfahrung ist natürlich definitiv ein Ergebnis, aber reicht mir das? Vielleicht muss ich jetzt auch einfach so viel herumprobieren, damit ich bei der nächsten Entwicklungsauszeit weiß, was für mich richtig ist. Ist diese Entwicklungszeit nur Alpha-Phase? Was wäre so schlimm, wenn ich sie verschwende?

Zwischen den Welten

Jedenfalls schwebe ich nun so dahin zwischen all diesen Zuständen. Einerseits voller Euphorie, weil ich gerade das Themenfeld Möbeldesign erkunde oder die Kalligrafie mein Herz erfreut. Andererseits erfasst mich den halben Tag eine unglaubliche Trägheit, in der ich so gar nichts tun möchte und dabei noch ein schlechtes Gewissen habe. Ich bin neugierig, wie sich das weiter entwickeln wird.

Oliver
Ich bin Grafik- und Kommunikationsdesigner, arbeite selbständig und als Freelancer. Dabei gestalte ich Logos, Corporate Designs, Visitenkarten, Broschüren, Flyer und alles was so gestaltet werden will.

5 Kommentare

  1. Justier einfach den Stundenplan nach, ist ja deiner! Mach 4 statt 1 Stunde Kalligraphie, gib dir 3 x soviel Leerzeit oder noch mehr, hör effektiv zu sein wollen. Bist du sonst eh immer. Also mach dich ruhig mal breit. In jedem steckt ein kleiner Couchpotato. Oder?

    Nebenbei, bin ich ein Vollzeittheoretiker. Ein Sabbatical, wie du gerade machst kenn ich nur in Sirupdosen. Andere würden das Urlaub nennen. Ich erinnere mich, dass ich früher nach intensiven Arbeitphasen immer in ein tiefes Loch gefallen bin, bevor ich wieder einen vernünftigen Rhythmus gefunden habe. Also gib dir auch mal die Zeit, dass sich deine innere Uhr umstellen kann.

    Morgen darfst dich eh wieder haptisch austoben – sagt mein Stundenplan. Freu mich schon!

  2. Was mir eben noch einfiele: verabrede dich mit Leuten, die Sachen machen, die dich interessieren. Auch wenns keinen Zusammenhang mit deiner Arbeit hat. Ich bin fast sicher, dass viele bereit sind, einem interessierten Kerl wie dir nen Tag lang ihre Arbeit zu zeigen. Und wer weiß, wo das dann hinführt. Es gibt so viele Handwerker & Gestalter in Feldern, mit denen wir alle noch nix zu tun hatten, die interessantes Zeug machen!

    Ansonsten: Was Michael sagt. 😉

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