Persönliches

100 besten Plakate – schmoren im eigenen Saft?

Letzten Mittwoch habe ich mir die mittlerweile im Wiener MAK angekommene Ausstellung »100 beste Plakate 07 Deutschland Österreich Schweiz« angesehen. 16 Uhr unter der Woche war anscheinend nicht die Rushhour unter den Museumsgehern, so waren zwei Freunde und ich neben dem Überwachungspersonal fast unter uns.

Es waren schon sehr schöne Plakate dabei. Auch einiges, woran man sich anhalten kann oder woraus sich viel Inspiration schöpfen lässt. Doch was dann ca. nach einem Viertel der Ausstellung zu irritieren begann, war, dass ungefähr die Hälfte der Plakate entweder nur sehr schwer zu lesen war oder den Betrachter inhaltlich vor ein Rätsel stellte. Langsam erschließt sich dann auch warum: ein Großteil der eingereichten Plakate ist für Werkschauen oder Veranstaltungen von Design-Unis, Kulturprojekten oder kommt aus anderen künstlerischen Sektoren. Muss die Message in dem Fall nicht so überzeugen? Hauptsache cool, kreativ, anders?

Funktioniert so ein Plakat auf den Wänden der Realität wirklich? Auch wenn es die Kunstuni mit der selbstgebastelten Mini-Typo ist, die ästhetisch wohl überzeugen mag, nehmen sich die Betrachter im Vorbeigehen, Vorbeifahren, Vorbeiflitzen wirklich die vier Sekunden Zeit den Inhalt zu entziffern, die Botschaft zu verstehen und treffen dann die Entscheidung hinzugehen? Mag sein, dass man hier sagt, man spricht eben »Kreative« an, die reagieren schon auf sowas. Ja, bestimmt mehr als der Durchschnittsmensch. Doch dann lädt man auch wieder nur seinesgleichen zu Werkschau und Kulturvorstellung ein. Es bleibt der kleine elitäre Kreis.

Ich möchte hier nicht das Urteilsvermögen der lieben Bildungsstätten und Kulturoasen schlechtreden. Aber ich denken, dass ein Plakat funktionieren sollte. Dass man es lesen können sollte, dass man es schnell verstehen können sollte. Es herrscht ein strenger Wettbewerb da draußen und Kulturplakaten sollten nicht so aus Selbstverliebtheit an den Wahrnehmungsrand gedrängt werden, weil sie zu viel transportieren wollen.

Ich sehe die Herausforderung vor allem darin, aus dem Gewöhnlichem das Besondere heauszuholen. Denn gerade diese Plakate haben mich überzeugt. Wie z.B. das wunderbar einfallsreiche für den Braun Nasenhaartrimmer von BBDO Düsseldorf. Ein weiteres meiner Lieblinge war die Plakatserie des Wiener Tanszquartiers. Die Motive sind lebendig, nachvollziehbar und sofort ins Auge gesprungen. Und man kann den Text lesen. Da hat DRAFTFCB KOBZA wirklich tolle Arbeit geleistet.

Designer stimmen für Designplakate – schmoren im eigenen Saft. Ich hoffe, dass sich dieser Trend des 100 Beste Plakate-Wettbewerbs so nicht in den nächsten Jahren weiter fortsetzen wird. Denn dann haben wir zwar einen Haufen »cooler« Plakate, aber wenig Realität. Wer sich die Ausstellung noch anschauen möchte, sie läuft bis zum 8. Dezember im MAK.

Einen guter, scharfer Beitrag zum Thema ist auch im Fontblog zu lesen.

2 Comments

  1. Ja leider, mit der “Alltagstauglichkeit” der meisten prämierten Plakate ist es schon seit Jahren nicht viel her… und die paar Basisregeln von gutem Informationsdesign werden auch nicht verfolgt: Mir hat ja am Beginn meiner Laufbahn mal jemand erklärt, ein gutes Plakat muss innerhalb von Sekunden erfasst werden können (z.B. bei 50 km/h vom Auto aus).

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