Drei Sorgen über das Vatersein, die sich als falsch herausgestellt haben

Sorgen über das Vatersein, die unbegründet waren

In ein paar Wochen wird Nila zwei Jahre alt und in etwas mehr als zwei Monaten erwarten wir unsere zweite Tochter. Ein guter Anlass einen Blick auf drei Sorgen über das Vatersein zu werfen, die sich als falsch herausgestellt haben. Vom Klassiker „Ich bin nicht dazu bereit Vater zu sein“ über die Angst inkonsequent zu sein und von Anfang alles richtig machen zu müssen.

1. „Ich bin nicht dazu bereit Vater zu sein“

Wahrscheinlich der Klassiker unter den Eltern-Sorgen. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, dann ist man von einem auf den nächsten Moment Vater – von Null auf Hundert in einem Augenblick. Was werde ich in dieser Situation machen, was in jener? Ich bin nicht bereit dazu Vater zu werden. Diese Gedanke haben mich damals ziemlich gestresst. Ich dachte ich muss jetzt schon auf alle Herausforderungen der Zukunft eine Antwort haben.

Als Nila dann auf der Welt war, waren all die Überlegungen und Gedanken, die ich vorher angestellt hatte weit weg, denn Zeit zum Nachdenken blieb mir damals nicht. Ich war mit all den Neuerungen beschäftigt und damit, die Zeichen dieses kleinen Menschen zu deuten. Ich lernet unglaublich viel und schnell und nach etwas Zeit spielte es sich ein, denn wir lernten einander kennen und eine gewisse Routine kehrte ein.

Wenn ich von diesem ersten Moment absehe, wo viele Herausforderungen auf einmal auf mich zukamen, ging es dann ruhiger weiter. Langsam wuchs Nila zu einem Kleinkind heran und langsam wuchs und (wachse ich immer noch) in die Rolle als Vaters hinein. Langsam verändern sich die Aufgaben und Themen, langsam lerne ich damit umzugehen.

Ich weiß, dass ich jetzt noch keine Antworten auf die Fragen von morgen brauche.

Was mich vor der Geburt von Nila noch besorgt hat (nämlich nicht auf alle Situationen eine Antwort zu wissen) beunruhigt mich jetzt nicht mehr. Ich sehe selbstsicherer und entspannt in die kommenden Jahre als Vater, denn ich weiß, dass ich jetzt noch keine Antworten auf die Fragen von morgen brauche. Diese werde ich haben, wenn die Zeit für sie gekommen ist.

Meine heutige Antwort auf meine Sorge von damals: Mit dem Kind wachsen die Herausforderungen und meine Fähigkeiten sie zu meistern.

2. „Ich werde es nicht schaffen konsequent zu sein.“

Eine weitere Sache, die mich sehr beschäftigt ist das Thema Konsequenz. Ich habe große Sorge zu inkonsequent sein zu können, also Dinge zu sagen, die ich dann nicht einfordere bzw. nach denen ich mich selbst nicht verhalte. Deshalb achte ich besonders darauf und deshalb wäre diese Sorge auch irgendwie schon unbegründet.

Doch immer wieder ist mir aufgefallen, dass Konsequenz nicht alles ist. Es ist oft wichtiger oder wertvoller, wenn ich mit in die Situation einfühle und entsprechend verhalte. Damit meine ich nicht, dass es keine Regeln gibt. Ich meine, dass ich abwägen darf, ob es jetzt wichtiger ist diese Sache durchzukämpfen oder, ob es in dem Moment gerade um etwas anderes geht.

Einen guten Rat habe ich von meinem Freund zum Thema Ausnahmen bekommen, denn nicht immer hat man die Kraft Dinge durchzukämpfen. Das kann man zugeben und sagen: „Ich habe jetzt keine Kraft das mit dir durch zu kämpfen. Ich halte dein Verhalten für falsch, ich möchte das nicht, aber ich bin jetzt nicht in der Lage mich dagegen zu wehren.“ Das Tolle daran ist – so wird die Regel nicht aufgehoben. Natürlich sollte das selten passieren und ich setzte diesen Joker nur sehr bewusst ein. Aber gibt es einmal eine solche Situation entsteht dadurch Spielraum, wenn ich auch einmal selbst an meine Grenze gekommen bin. Eine Randnotiz dazu: Natürlich versteht Nila diese Worte in ihrem Alter noch nicht. Ich denke aber, dass sie über meine Art sie zu sagen meine Intention trotzdem rüberkommt und sie merkt, was es mir bedeutet.

Meine heutige Antwort auf meine Sorge von damals: Empathie ist wichtiger als Konsequenz.

3. „Wenn ich es nicht von Anfang an richtig mache habe ich es für immer ruiniert.“

In meinem Kopf schwirrt immer dieser Gedanke: „Wenn ich es einmal in meine Verhalten als Vater etwas falsch mache, dann habe ich es für immer ruiniert und werden nie mehr davon loskommen.“ Das ist ein sehr lähmender Gedanke, der mich unglaublich unter Druck setzt. Denn damit nehme ich mir die Möglichkeit mit Nila gemeinsam zu lernen.

Nila selbst tastet mit ihrem Verhalten die Reaktionen ihres Umfelds ab. Wenn diese negativ sind wird sie ihr Verhalten anpassen. Wieso sollte dieser Spielraum nicht auf für mich als Vater gelten? Ich darf (und muss) Dinge genauso lernen und ausprobieren dürfen. Wie sie lernt, wie sie sich in einem sozialen Umfeld verhält, lerne ich das selbe als Vater. Fehler machen und daraus lernen.

Dieser Grundsatz macht mich viel entspannter, auch wenn ich tendenziell immer wieder in mein ursprüngliches Verhaltensmuster falle mit dem Wunsch alles auf Anhieb „richtig“ zu machen. Notiz an mich selbst: das ist einfach Blödsinn.

Davon abgesehen ist der Spielraum viel größer, als ich dachte. Ich kann mein Verhalten ändern und dadurch sehen, wie es andere Reaktionen erzeugt. Und wenn ich mich vorher anders verhalten habe, dann macht das nichts. Nila macht das auch ständig. Sie verändert ihr Verhalten, ich nehme es zu Kenntnis und passe meines an, wenn ich etwas damit nicht in Ordnung finde.

Meine heutige Antwort auf meine Sorge von damals: Es geht nicht darum etwas von Anfang an richtig zu machen, es geht darum gemeinsam zu lernen und sich weiter zu entwickeln.

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Das sind und waren als meine drei größten Sorgen über das Vatersein, die sich als falsch herausgestellt haben. Aber vielleicht auch, weil ich sie mir bewusst gemacht hab. Ich wäre gespannt welche Sorgen ihr euch gemacht habt (unbegründeten oder begründeten) und wie ihr heute damit umgeht. Hinterlasst sie doch in den Kommentaren!

Mit Baby verreisen, Teil 3: Das Resümee

Die erste große Reise

Durch die USA und Kanda mit unserer neun Monate alten Tochter Nila. 5.200 km in fünf Wochen im Camper Van. Es war eine schöne und erinnerungswürdige Zeit und natürlich gab es auch Momente, die im Nachhinein besser hätten sein können. In Teil 1 und Teil 2 habe ich über die Vorbereitungen und den Alltag auf Reisen erzählt. Hier ziehe ich nun ein Resümee über unser kleines Abenteuer und zeige zum Abschluss in einem kleinen Film wie Nila das Ganze aus Nilas Blickwinkel ausgesehen haben mag.

Ernüchterung am Weg

Auch wenn es im Kopf klar war, verinnerlicht hatten wir es nicht, dass zu dritt verreisen auch immer zu dritt sein bedeuten würde. Daheim haben wir, wenn Nila unter Tags und Abends schläft oder wir uns aufteilen, jeweils Zeit für uns selbst oder als Paar. Am Wochenende geben wir Nila häufig für ein paar Stunden an ihre Großmutter ab. Das alles fiel natürlich auf Reisen weg – wir waren einfach immer beisammen, denn Aufteilen war nicht wirklich möglich, da wir ja gemeinsam Urlaub machten.

Nach etwa zehn Tagen unterwegs fiel und das so richtig auf. Das Irritierende war, dass der Unterscheid vom Reisen zu zweit nicht so groß war aber dennoch deutlich. Mit einem Baby müssen wir zwar nicht für „Kinderprogramm“ sorgen, können die Tour machen die wir wollen, doch gewisse Dinge sind nicht mehr möglich. So pflegeleicht Nila auch ist (sie ist das beste Baby), ihr fällt immer ein fixer Anteil an Aufmerksamkeit zu. Geht es ihr eh gut? Hat sie Hunger? Wann haben wir das letzte Mal gewickelt? Wo könnten wir stehen bleiben, damit sie ein bisschen am Boden herumkrabbeln kann?

Birgit und Nila im Gras im Harvard Yard
Birgit und Nila im Gras im Harvard Yard

Und natürlich konnten wir auch nicht planen wann sie genau schlafen würde und wir dann Zeit für uns zum Lesen oder Plaudern haben würden. Meistens schlief sie im Auto während der Fahrt, manchmal in der Stadt im Kinderwagen. Am Anfang machte ich mir dann großen Stress genau jetzt ein nettes Café zu finden, wo wir Zeit verbringen könnten und das funktionierte nie.

Die langsamen Momente finden

Es hat etwas gedauert wirklich zu akzeptieren, dass es anders ist mit Baby zu reisen. Doch als wir das dann geschafft haben war es sehr schön und hatte eine andere Qualität der Langsamkeit. Dann haben wir es geschafft uns wirklich auf die Moment einzulassen und nicht zu hoffen alles auf einmal haben zu können. Uns immer wieder daran zu erinnern war eine konstante Herausforderung.

Nila und ich mit Kinderwagen im High Line Park New York
Im High Line Park, New York City

Was wir aber auch bald lernten: Spontan ist ein schlechter Plan. Fast jedes Mal als wir versuchten wie früher in eine Gegend zu fahren, ohne wirklich zu wissen, was dort interessant sein könnte oder was es dort zu unternehmen gibt, ging das schief. Es endete fast immer damit ewig ein Restaurant oder ein Café zu suchen, im Stau zu stecken und einfach schließlich damit viel zu lange im Auto zu sein. Nila hielt viel und lange aus, aber irgendwann war sie auch an ihren Grenzen. Wir lernten so uns kleine Ziele vorzunehmen, uns immer ein wenig zu informieren oder an Orten zu bleiben, die uns gefielen, anstatt weiter zu fahren in der Hoffnung, dass noch etwas besseres kommen würde.

Kinderfreundliche Amerikaner

Was uns besonders auffiel waren die überaus kinderfreundliche Einstellung der Amerikaner und Kanadier. Beide Länder sind sehr familienfreundlich ausgerichtet. Das merkt man einerseits an der Infrastruktur (auch auf vielen Herrentoiletten finden sich Plätze zum Wickeln) aber vor allem an der Haltung der Menschen. Kaum jemand hat uns nicht angelächelt, weil wir mit einem Kind unterwegs sind. Ständig hörten wir Kommentare wie hübsch Nila nicht sei, „Look at those eyes!“ oder wurden bevorzugt behandelt, weil wir ein kleines Kind dabei hatten. Wir hatten uns schon so daran gewöhnt, dass es ein herber Wechsel war wieder in Österreich angekommen zu sein.

Damit sich Nila immer daran erinnern wird

Nila wird diese große Reise nicht mehr in Erinnerung haben, wenn sie groß ist. Damit sie außer unseren Erzählungen einen Anknüpfungspunkt haben wir, haben wir diesen Film für sie gemacht, der zeigt wie sie unser erste Abenteuer als Familie erlebt hat.

Damit endet mein Bericht unserer Reise. Wie immer freue ich mich über Kommentare und Erfahrungen, falls ihr ähnliches erlebt habt oder plant!

Weitere Blog-Beiträge zu unserer Reise:

Mit Baby verreisen, Teil 1: Die Vorbereitungen
Mit Baby verreisen, Teil 2: Im Camper durch die USA und Kanada

Drei Tage mit Baby gestrandet am JFK – Austrian & Lufthansa kümmert das wenig

 

 

Drei Tage mit Baby gestrandet am JFK – Austrian & Lufthansa kümmert das wenig

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Nach fünf Wochen Urlaub in den USA und Kanada mit unserer zehn Monate alten Babytochter Nila wollen wir unsere Heimreise von New York nach Wien antreten. Doch ein Versehen unsererseits löst eine unglaubliche Verkettung an Ereignissen aus. Eine sechzigstündige Odyssee beginnt mit zwei gestrichenen Flügen, etlichen Stunden Wartezeit und Fluglinien, die das alles wenig kümmert.

Tag Eins – Ein Fehler mit Folgen

Dienstag, 16. Juni 2015 Die ganze Geschichte beginnt mit einem Versehen unsererseits. Gegen 15 Uhr erreichen wir nach schönen fünf Wochen Urlaub in den USA und Kanada den John F. Kennedy International Airport in New York. Wir wollen unsere Heimreise nach Wien antreten und stellen uns am Ceck-In-Schalter der Austrian/Lufthansa (die beiden Fluglinien gehören ja zusammen) in Terminal One an. Unser Direktflug, OS 88, mit der Austrian soll um 17:50 Uhr starten.

Gleich werden wir einen ziemlichen Schrecken bekommen. Am Check-In-Schalter angekommen sagt man uns, dass es ein Problem mit unseren Tickets gäbe. Überrascht gehen wir zum Ticketschalter und erfahren, wo das Problem liegt: wir hätten gestern fliegen sollen. Unsere Tickets waren für den 15. Juni gebucht – wir hatten den Flug einfach verpasst ohne es mitzubekommen. Das falsche Datum stand in unseren Kalendern und wir haben nicht weiter die Buchungsmail gecheckt.

Doch lange haben wir nicht, um uns über unsere eigene Dummheit zu ärgern. Wir wollen sobald als möglich nachhause und den verpassten Flug auf den heutigen Flug umbuchen. Die Zeit drängt, es ist nur noch etwas mehr als eine Stunde bis zum Boarding. Die Damen am Ticketschalter rechnen lange und konzentriert herum welche Gebühren und Steuern anfallen, um eine ungefähren Preis nennen zu können und nach etwa einer halben Stunde werden uns zwei Möglichkeiten geboten:

  1. Der Austrian-Direktflug um 17:50 Uhr, den wir ursprünglich nehmen wollten oder
  2. Ein Lufthansa-Flug um 21:50 Uhr über Frankfurt.

Auch wenn der Flug über Frankfurt billiger ist, entscheiden wir uns doch für den direkten Austrian-Flug. Wir möchten nicht unnötig länger fliegen mit unserem Baby. Aber noch haben wir die Tickets nicht.

Nach so viel Aufregung sind wir froh und denken erschöpft: Glück im Unglück. Doch es kommt anders.

Die Dame am Schalter sagt sie versucht uns noch auf den direkten Austrian-Flug zu buchen, kann es aber nicht versprechen, da es schon sehr knapp ist. Es ist nur mehr eine halbe Stunde bis zum Boarding und unsere Nerven werden immer gespannter. Etwa zwanzig Minuten zittern wir, ob wir Tickets für den Austrian-Direktflug bekommen. Und wir schafften es – um 16:35 Uhr haben wir unsere Tickets nach Wien. Wir sind um knapp 900 Euro ärmer aber dafür um einen Denkzettel reicher. Wir geben unser Gepäck auf – nur noch zehn Minuten bis zum Boarding – wir hetzen durch die Sicherheitskontrolle und schaffen es noch rechtzeitig zum Gate. Trotz ausgebuchtem Fluges bekommen wir noch einen Platz für Birgit mit einer Vorrichtung für den Babykorb. Nach so viel Aufregung sind wir froh und denken erschöpft: Glück im Unglück.

Doch es kommt anders. Alle warten angeschnallt auf den Abflug der Maschine. Zehn Minuten, zwanzig Minuten, dreißig Minuten sind mittlerweile seit dem geplanten Start für 17:50 Uhr vergangen. Das Flugzeug hat sich zwar vom Gate weg bewegt, doch wir warten immer noch am Boden. Das Bord-Unterhaltungsprogramm wird gestartet. 19:15 Uhr – wir erfahren, dass es ein Problem mit der Hydraulik gibt und es noch ca. eine Stunde dauern wird dieses zu beheben. Wasser und Salzgebäck werden verteilt. Unsere Nila ist gut bei Laune, wir ebenfalls. Die Kabinencrew ist sehr freundlich, wir füttern sie zwischendurch, sie krabbelt durch die Kabine und unterhält alle. Es ist 20:30 Uhr – wir erfahren, dass ein Ersatzteil fehlt, das gerade aufzutreiben versucht wird und sollen uns noch gedulden. 21:00 Uhr – nach fast vier Stunden im Flugzeug am Boden verkündet der Kapitän, dass der Flug gestrichen wird. Wir werden von der Parkposition wieder zurück zum Gate gebracht und verlassen kurz vor 22 Uhr das Flugzeug. Nila ist mittlerweile auf Birgit eingeschlafen.

Auf den Abflug wartend, der nie passieren wird
Auf den Abflug wartend, der nie passieren wird

Wir sind nicht wirklich wütend, die Zeit verging wegen der vielen Zwischendurchsagen schneller als gedacht. Wir sind nur hungrig und ahnungslos, was jetzt genau passieren wird. Und allen anderen Passagieren geht es ähnlich. Um die 300 Personen werden zum Gepäckband geleitet, um das Gepäck zu holen. Es werden vereinzelt Visitenkarten mit einer Telefonnummer verteilt, die man anrufen soll, um den Flug umzubuchen. Doch die Hotline ist komplett überlastet, da alle Leute gleichzeitig anrufen. Nach weiteren 45 Minuten Warten haben wir gegen 23 Uhr alle Gepäckstücke und gehen Richtung Ausgang. Hier gibt es niemanden mehr, der einem sagt, wo der Ticketschalter ist und wo man ein Hotelzimmer bekommt. Von anderen Passagieren erfahren wir, dass wir in den zweiten Stock müssen. Dorthin, wo wir vor über sieben Stunden zitterten, ob wir noch ein Ticket für den Austrian-Flug bekommen würden.

Oben angekommen sehen wir vor zwei Schaltern Schlagen (oder eher improvisierte Ansammlungen müder, gereizter Menschen). Ein Schalter ist für Hotelzimmer zuständig, der andere für Umbuchungen. Vor dem ersten stehen etwa 80 Passagiere, vor dem zweiten der gefühlte Rest der 300. Eine Lufthansa-Dame sagt es sei sinnlos sich beim Ticketschalter anzustellen, man bekomme dort heute keine Tickets mehr und solle die Hotline anrufen. Beide Schalter werden jeweils von nur zwei Personen bearbeitet, es geht kaum etwas weiter. Wir entscheiden uns mit unserem Baby auf eigene Faust ein Hotel zu suchen in der Hoffnung die Kosten dafür erstattet zu bekommen. Es gibt keine Ansprechpersonen, weder von Austrian noch von Lufthansa.

Wir steigen in ein Taxi, klappern fünf Hotels ab und bekommen eine Absage nach der anderen. Ohne Reservierung unterwegs zu sein ist keine gute Idee. Beim letzten Hotel in der Straße haben wir Glück und bekommen schließlich ein Zimmer für die Nacht. Es ist mittlerweile 0:30 Uhr, wir sind erschöpft und hungrig, doch zu essen gibt es nichts mehr. Die Hotline funktioniert immer noch nicht, wir googlen die deutschen Nummer der Lufthansa, rufen dort an und erreichen jemanden. Für Mittwoch können wir nur auf den Lufthansa-Flug über Frankfurt (den wir zuvor nicht genommen hatten) umbuchen, der direkte Austrian-Flug ist nicht verfügbar. Gegen zwei Uhr Nachts gehen wir endlich schlafen. Froh in einem Hotel zu sein und einen neuen Flug zu haben. Viele Stunden Schlaf werden uns aber nicht bleiben, denn Nila wird am nächsten morgen wieder um 7:30 Uhr munter sein.

Tag Zwei – Doppeltes Pech

Mittwoch, 17. Juni 2015 – Erschöpft aber guter Dinge bringen wir den Tag irgendwie über die Runde und machen uns am Abend auf den Weg zum Flughafen. Gegen 18:00 Uhr checken wir ein und geben unser Gepäck ab. Bis zum Boarding unseres Lufhansa-Fluges LH 404 nach Frankfurt haben wir noch über drei Stunden Zeit. Wir erkunden jedes Geschäft am Terminal One, Nila krabbelt begeistert unter den Sitzreihen im Wartebereich eines leeren Gates und schläft dann irgendwann gegen 21:00 Uhr im Kinderwagen ein. Wir machen uns auf den Weg zu unserm Gate und stehen bereit zum Boarding.

Es vergehen zehn Minuten, zwanzig Minuten, dreißig Minuten seit dem geplantem Boarding für 21:25 Uhr und es stehen immer noch alle da. Wir erfahren, dass sich es wegen technischer Probleme Verzögerungen gibt. Das Boarding wird um über zwei Stunden auf 23:30 Uhr verschoben. Wir sind müde und genervt. Den selben Gesichtsausdruck finden wir auch bei allen anderen Passagieren. Einige von ihnen erkennen wir vom am Tag zuvor gestrichenen Austrian-Flug wieder. Den Anschlussflug von Frankfurt nach Wien werden wir definitiv verpassen, doch im Moment hoffen wir nur noch heute zumindest nach Europa zu kommen.

Es ist kurz vor Null Uhr und es trifft das ein, was wir nicht gehofft hatten: wir erfahren, dass der Flug gecancelt ist. Das ist einfach nur Pech – eine andere Fluglinie, eine andere Maschine und dann zweimal technische Probleme! Zweimal hinter einander der Flug gestrichen! Natürlich ist es besser nicht zu fliegen, als dass es dann gefährlich ist, absolut, doch zu dem Zeitpunkt sind wir nur genervt. Es ist ja nicht das Mühsame nicht zu fliegen, das Mühsame ist das, was nun wieder von vorne beginnt: 300 Passagiere werden zum Gepäckband geleitet, Warten aufs Gepäck, Warten auf ein Hotelzimmer, Warten auf eine freie Leitung in der Hotline zum Umbuchen. Und das alles zwei Stunden später als gestern.

Das ist einfach nur Pech – eine andere Fluglinie, eine andere Maschine und dann zweimal technische Probleme! Zweimal hinter einander der Flug gestrichen!

Immerhin sind wir nun schon absolute Profis darin und wissen genau wo wir hingehen müssen. Ich warte aufs Gepäck, Birgit und die im Kinderwagen schlafende Nila gehen zum Schalter hinauf und stellen sich für ein Hotelzimmer an. Kurz vor 0:30 Uhr habe ich das Gepäck, Birgit hat ein Motel zugewiesen bekommen und wir warten auf den Bus, der uns dort hin bringen soll. Gleichzeitig ist Birgit am Telefonieren, diesmal mit der Austrian-Hotline und kann nach dreißig Minuten Warteschleife unsere Tickets auf den morgigen Direktflug nach Wien mit der Austrian umbuchen – den Flug, den wir vorgestern unwissentlich verpasst hatten, für gestern umgebucht hatten und heute nicht buchen konnten.

Der Bus kommt endlich an, doch er bleibt mit verschlossenen Türen stehen. Zuerst heißt es der Bus sei für die Flugzeug-Crew, dann heißt es, es dauere noch etwas. Wir haben einfach keine Geduld mehr, haben genug gewartet. Unsere Tochter schläft, aber wir nicht. Sie wird morgen um sieben Uhr wieder wach sein, wir sind noch erschöpft vom Tag zuvor und es ist schon kurz vor ein Uhr Nachts.

Wir entschließen uns wieder alleine ein Taxi zum zugewiesenen Motel zu nehmen. Wer weiß wann der Bus losfährt, und dann klappert er ja auch noch alle anderen Hotels ab, alle Leute kommen gleichzeitig im Hotel an, man muss dort wieder warten. Wir finden mit dem Taxifahrer dank Smartphone die Adresse des Motels heraus und sind nach einer knapp dreißigminütigen Fahrt dort. Im Ramada Inn Rockville gibt es leider kein Gitterbett, wir bauen Nila mit Kissen und Handtüchern ein Nest am Boden. Gegen zwei Uhr gehen wir erschöpft zu Bett.

Tag Drei – Abreise mit Hindernissen

Donnerstag, 18. Juni 2015 – Auch diesen Tag bringen wir irgendwie über die Runden. Zu Fuß finden wir 15 Minuten vom Motel entfernt einen Supermarkt bei dem wir Babynahrung kaufen können. Wir hatten nicht damit gerechnet noch für drei Tage Nila unterwegs mit Essen versorgen zu müssen und am JFK Airport gibt es natürlich nichts für Babys. Der Bus zum Flughafen fährt bereits um 9:30 Uhr, doch wir fahren nicht mit diesem mit. Wir möchten nicht die nächsten sieben Stunden mit Nila am Terminal verbringen. Seit gestern kennen wir diesen schon auswendig. Wir kommen gegen 14 Uhr mit einem Taxi am Flughafen an, zum dritten Mal. Und stellen und beim Check-In an, zum dritten Mal. Sehr Müde und gereizt. Wir wollen einfach nur weg, wollen einfach, dass jetzt alles klappt. Aber es klappt nicht.

Die mäßig motivierte Dame am Check-In-Schalter sagt es gäbe ein Problem mit meinem Ticket, es sei nicht umgebucht worden. Wir greifen uns nur noch am Kopf, wechseln wieder zum Ticketschalter und warten dort für weitere dreißig Minuten bis das Problem gelöst ist und wir alle ein Ticket haben. In dieser Zeit redet auch niemand mit einem – kein „Sorry“, keine Anteilnahme, nichts. Wir verlangen einen Platz bei dem man den Babykorb anbringen kann. Nachdem unsere Tickets ausgedruckt wurden fragen wir noch einmal ob wir auch so einen Platz bekommen haben. Die Dame am Schalter verneint das. Wir sind wütend, bestehen darauf, ein Vorgesetzter kommt und sagt es sei nicht möglich. Das bringt das Fass zum Überlaufen.

„Was stellen Sie sich vor? Sollen wir unser Kind acht Stunden am Schoß schlafen lassen?“

Wir beschweren uns was das Zeug hält: Was stelle er sich vor? Sollen wir unser Kind acht Stunden am Schoß schlafen lassen? Wir sind seit drei Tagen unterwegs, uns wurden zwei Flüge gestrichen, haben kaum geschlafen, sind hungrig, haben keine Essensgutscheine erhalten. Die Situation muss einfach als Ventil herhalten. Und siehe da, es funktioniert: wir bekommen widerwillig einen Platz mit Babykorb und dem Kommentar „Dann muss ich Sie aber auseinander setzen.“ Das ist uns egal, wir haben ja nicht auf zwei Sitze nebeneinander bestanden, Hauptsache ein Babykorb.

Oh Wunder, wir besteigen tatsächlich mit etwas Verspätung die Austrian-Maschine, starten pünktlich und landeten am nächsten Morgen überpünktlich in Wien. Der siebenstündige Flug selbst vergeht nach all dem Warten in den letzten Tagen wirklich wie im Flug. Und als wir nach dieser sechzigstündigen Odyssee in Wien landen kommt es uns fast so vor als wären die letzten drei Tage gar nicht wirklich passiert, vielleicht waren sie ja nur ein Traum? Hauptsache wir sind angekommen. Nila hat übrigens den gesamten Flug im Babykorb geschlafen, sie ist das beste Baby. Überhaupt glaube ich, dass sie die Verzögerungen nicht wirklich belastet haben. Nur uns.

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Das Schlimmste ist, dass es niemanden kümmert

Was mich wirklich an diesem Erlebnis störte ist nicht das Warten oder das Absagen der Flüge wegen technischer Probleme. Mich störte am meisten das Gefühl vollkommen alleingelassen zu sein. Das Flughafenpersonal und das Schalterpersonal der Lufthansa/Austrian reagierte auf das Canceln der Flüge so, als wäre es noch nie passiert. Es war sehr unorganisiert, man merkte, dass es ihnen nur wichtig war, dass man sein Gepäckstück nimmt und geht. Gleichzeitig war das Personal aber auch extrem unmotiviert und gleichgültig. Niemand entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten, es machte auch für niemanden einen Unterschied, dass wir ein kleines Baby dabei hatten. Niemand war zuvorkommend, möglichst alles wurde zurückgehalten. Wasser oder Müsliriegel (besser als nichts um Mitternacht) am Schalter bekam man nur, wenn man ausdrücklich danach fragte, ebenso Essensgutscheine für den Flughafen. Man musste wissen, was einem zusteht.

Und dann sind da natürlich noch die Kosten: Mit Hotelzimmer, Taxifahrten, Essen (zu Flughafenpreisen) und Telefongebühren sind für uns 600 Euro an Ausgaben entstanden. Wir haben alle Belege aufgehoben und hoffen den Betrag erstattet zu bekommen.

Ich kann nun gar nicht sagen, dass ich explizit auf die Austrian oder Lufthansa wütend bin. Ich glaube es liegt viel am Personal vor Ort. Doch auch dieses muss in die Qualitätssicherung der Fluglinien mit einbezogen werden. Wenn man einen unzufriedenen, wütenden Kunden in seiner Wut abholt, dann kann daraus ein zufriedener Kunde werden. Ich möchte in dieser Situation einfach nur das Gefühl haben gehört zu werden. Ich weiß, dass der Mitarbeiter vor Ort nichts dafür kann, dass ich nicht fliege. Aber er ist die Person mit der ich im Moment Kontakt haben und er muss das aushalten, das ist sein Job.

Ich bin mir sicher es passiert regelmäßig, dass Flüge gestrichen werden. Wenn sich der Fluggast gerade in dieser Situation umsorgt fühlt, wirft das trotz ärgerlicher Umstände ein gutes Licht auf die Fluglinie. Es zeigt, dass es ihr wichtig ist, wie sie mit ihren Kundinnen und Kunden umgeht. Wird man allerdings alleingelassen und erhält die einem zustehende Hilfe nur, wenn man explizit darüber Bescheid weiß und danach fragt, wird etwas Unangenehmes richtig entsetzlich. Ich hoffe, dass dieser Kritikpunkt bei Austrian und Lufthansa Wurzeln schlägt und die Situation für zukünftige abgesagte Flüge verbessert wird.

Update September 2015

Austrian hat uns auf Grund unserer Beschwerde die gesetzlich vorgeschriebene Entschädigung von € 600 pro Person und die uns entstandenen Kosten erstattet. Dies ging einfach und formlos. Lufthansa hat unsere Beschwerde bisweilen ignoriert, weshalb wir mit Hilfe unseres Anwaltes rechtliche Schritte eingeleitet haben.

Weitere Blog-Beiträge zu unserer Reise:

Mit Baby verreisen, Teil 1: Die Vorbereitungen
Mit Baby verreisen, Teil 2: Im Camper durch die USA und Kanada
Mit Baby verreisen, Teil 3: Das Resümee

Mit Baby verreisen, Teil 2: Im Camper durch die USA und Kanada

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Wir sind endlich mit unserer neun Monate alten Babytochter Nila unterwegs. Vier Wochen mit dem Camper unterwegs im Osten der USA und Kanada. Hier erzähle ich wie der Hinflug mit Baby war, wie ein durchschnittlicher Tag unterwegs aussah, wie es mit Babynahrung und längeren Autofahrten klappte und wie wir uns in einigen kalten Nächten vorm Frieren bewahrten.

Fliegen mit Baby

Der etwa zehnstündige Hinflug von Wien nach New Ark stellte sich als problemlos heraus. Mit dem Buggy sind wir bis zum Flugzeug gefahren, danach wurde er verstaut und nach der Landung am Gate wieder ausgehändigt. Im Flugzeug selbst hatten wir einen Platz ganz vorne reserviert, wo ein Babybasket befestigt werden kann. Diesen haben wir aber nicht genutzt, da der Flug nicht ausgebucht war. Nila bekam einen eigenen Sitz und hat dort zwischendurch immer wieder in der von uns mitgebrachten Maxi Cosi Babyschale geschlafen. Für Start und Landung musste sie aber am Schoss sitzen, mit einem extra Gurt, der an unserem befestigt war. Aus Sicherheitsgründen konnte sie leider nicht im Flugzeug am Boden krabbeln oder sitzen. Wir haben sie deshalb einfach oft getragen oder mit ihr im Maxi Cosi gespielt. Dabei war die ganze Zeit das Austrian-Personal sehr engagiert und umsorgend.

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Beim Babyessen im Flugzeug haben wir uns auf die Fluglinie verlassen, was wir beim Rückflug aber nicht mehr machen werden. Auf der Austrian-Hotline hört man: „Babynahrung ist in limitierter Auflage vorhanden“. Da ja alles limitiert ist haben wir uns nichts Besonderes dabei gedacht und nichts mitgenommen. Wir haben an Board dann auch Essen für Nila bekommen, es war aber keine besonders sättigende Auswahl zwischen Birnen- oder Karottenbrei. Das Personal hat uns dann auch erklärt, dass es sich nur um eine Notration handelt und es auch möglich sein kann, dass sie nichts haben. Babynahrung ist von den Sicherheitsvorschriften ausgenommen, kann also ohne weiteres mitgenommen werden. Das werden wir für den Rückflug bedenken.

Ein durchschnittlicher Tag unterwegs

Wir alle schliefen gemeinsam in unserem Escape Campervan, dessen hinterer Teil sich zu einem großen Bett umbauen lässt (mehr zum Van in Teil 1: Die Vorbereitungen). Unser täglicher Wecker war natürlich Nila, doch sie war nicht so früh wach, wie wir erwarteten. Wahrscheinlich weil sie neben uns lag und weil wir alle durch die vielen Eindrücke erschöpfter waren als sonst, schlief sie länger als daheim. Die ersten zwei Wochen starte unser Tag deshalb meistens erst kurz vor neun Uhr. Gegen Ende der Camperzeit wurde es mit bis zu 7:40 Uhr immer früher.

Der Morgen: Nach dem Aufstehen teilen Birgit und ich uns die anstehenden Aufgaben. Meistens habe ich Nila gewickelt und angezogen und Birgit mit dem Gaskocher Wasser für Tee und Nilas Frühstücksbrei gekocht. Fast immer haben wir im Freien am Campingplatz auf einem der zahlreichen Picknicktische gefrühstückt. Nila saß im Kinderwagen oder krabbelte am Boden, nachdem sie (natürlich zuerst) gefüttert wurde. Abschließend packten wir alles wieder ein und bauten den Camper zum Weiterfahren um.

Der Tag: Selten fuhren wir vor 10:30 Uhr los. Wir versuchten immer in der Nähe eines Fixpunktes für den nächsten Tag zu sein und Vormittags nur ein kleines Stück zu fahren. Die Gelegenheit nützte Nila häufig für ein Schläfchen. Anschließend unternahmen wir etwas wie zum Beispiel einen Spaziergang, eine Wanderung oder besichtigten eine Stadt. Am frühen Nachmittag machten wir häufig Halt in einem Café und fütterten Nila. Nachmittags versuchten wir das größere Stück zu fahren, da Nila hier meistens um die zwei Stunden schläft.

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Wanderung mit Beko in der 1000 Islands Region

Der Abend: Am späten Nachmittag suchten wir uns einen Campingplatz, vielleicht gingen wir vorher noch einkaufen, und schlugen unser Lager auf. Dort kochten wir dann und aßen meistens gegen sieben Uhr. Nila legten wir wie daheim um 19:30 Uhr ins Bett. Je nach Wetterlage saßen wir dann noch draußen vor dem Camper und gingen meistens nachdem das Licht weg war gegen 21:30 Uhr selbst schlafen.

Essen

Ein großes Thema wenn man mit Kind unterwegs ist, ist natürlich das Essen. Es war gar nicht so einfach gute Babynahrung in den USA und Kanada zu finden. Hipp gibt es dort nicht, die in den USA gängige Marke ist Gerber (gehört zum Nestlé Konzern und hat ein irres Logo), in Kanada ist es Heinz Baby. In vielen derer Produkten findet sich unnötige viel Zucker und wir verbrachten sehr viel Zeit mit dem Lesen der Etiketten. Die Auswahl an Gläschen war dabei auch nicht besonders groß.

Zum Glück entdeckten Beech-Nut, eine Marke, die wirklich gute Produkte hat. Alles bio, natürlich und unbehandelt (plus ein schönes Logo). So bekamen wir schlichtes Obst- oder Gemüsepüree, Reis- oder Weizenflocken als Basis für Brei. Aber auch hier gab es einen Nachteil: die Portionen waren sehr klein für die Altersangaben (etwa halb so groß wie bei anderen) und es gab keine wirklichen Mahlzeiten (nur Gemüsepüree ohne Kohlenhydrate oder Eiweise). Außerdem gab es Beech-Nut ausschließlich in den USA und dort auch nicht überall.

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Beech-Nut Baby Nahrung. Foto: sincerelymindy.com

Zum Frühstück und Abendessen gab es meistens eine zerdrückte Banane oder anderes Obst mit Reis- oder Weizenbrei gemischt. Zwischendurch gaben wir ihr häufig Reiswaffeln, da sie die schon selbst essen konnte und es somit auch eine großartige Beschäftigung war.

Das Mittagessen wollten wir neben den Gläschen wie daheim für Nila kochen. Über die ganze Reise verteilt haben wir es auch geschafften mehr als die Hälfte der Mahlzeiten selbst zuzubereiten. Das waren im Prinzip die Dinge, die wir für uns gekocht haben. Sie isst das selbe Essen mit, jedoch weniger gesalzen, weicher und zerkleinert, da sie noch keine Zähne hat. Auf unserem Menüplan standen dabei häufiger Polenta oder Couscous mit gebratenem Gemüse, Risotto, Pasta oder schlicht Eierspeise.

Wir kochten für uns immer am Abend und hoben für Nila das Essen in keinen Plastikschalen mit Deckel für den nächsten Tag auf. Entweder wir wärmten das Essen für sie zu Mittag selbst am Gaskocher auf oder wir baten jemanden in einem Café es in der Mikrowelle warm zu machen. Dabei lernten wir, dass Starbucks keine Mikrowellen hat, bei Subway oder Tim Hortons funktionierte es meistens immer. Manchmal aber auch nicht, wenn jemand besonders große Angst hatte verklagt zu werden, weil sie fremdes Essen aufwärmen. Dann gab es leider nur Kaltes für Nila, das sie meistens auch aß.

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Sonst begann Nila auch langsam damit unser Essen mitzuessen. Wenn wir also in einem Café waren fütterten wir sie und so gewöhnte sie sich schnell daran auch essen zu wollen, wenn wir aßen. Das war ziemlich praktisch, weil es sie ebenfalls während wir aßen beschäftigte. Sehr bald konnte sie Brot selbst essen und auch sonst ließ sich auf der Speisekarte fast immer etwas für sie finden.

Längere Autofahrten mit Baby

Anfangs dauerte es etwas bis wir uns daran gewöhnten, doch das Autofahren hat im Großen und Ganzen gute funktioniert. Daheim fahren wir sehr selten mit den Auto und wenn dann maximal eine habe Stunde bis Stunde. Um den Übergang zu erleichtern nutzten wir meistens Nilas Schlafzeiten, versuchten nicht über zwei Stunden am Stück und über drei Stunden am Tag zu fahren und waren so recht angenehm unterwegs.

Lieber früher stehen blieben und entspannt sein, als sich krampfhaft an den Plan halten.

Es lief aber auch nicht immer alles reibungslos. Ziemlich am Anfang der Reise bildeten wir uns ein von den Niagarafällen direkt nach Detroit zu fahren – eine Fahrt von etwa fünf Stunden mit über 400 Kilometer. Die ersten drei Stunden gingen gut, da Nila einen Großteil davon schlief, die letzen zwei Stunden waren sehr anstrengend. Wir hatten alle keine Lust mehr, Nila bei Laue zu halten wurde immer schwieriger, irgendwann war es auch nicht mehr möglich, und dennoch setzten wir die Fahrt fort. Ziemlich entnervt und erschöpft kamen wir im Umland in Detroit bei Freunden an und zogen daraus unsere Lehre für die restliche Reise: lieber früher stehen blieben und entspannt sein, als sich krampfhaft an den Plan zu halten.

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Unterwegs am Cape Cod

Durch diese erste unangenehme Situation könnten wir eventuell folgende gut vermeiden. Wir stoppten eher und öfter und hatten auch immer ein Ziel für den Tag. Außerdem wurden wir versierter im Bespaßen von Nila. Der Beifahrer konnte immer nach hinten klettern und sie unterhalten, wenn es nicht mehr anders ging. Reiswaffeln, die sie selbst essen konnte, waren auch immer eine gute Beschäftigung für einige Zeit.

Kalte Nächte

Wir wussten, dass die Temperaturen in Kanada erst gegen Hochsommer wirklich angenehm werden. Deshalb haben wir unsere Reise mit Mitte Mai bis Mitte Juni so spät angesetzt wie es uns möglich war ohne in die Hauptsaison zu geraten. Unter Tags war es meistens warm und sonnig um die 18 bis 26 Grad. Doch an manchen Nächten war es bitterkalt. Ende Mai erreichten wir unseren den Kältetiefpunkt mit vier Grad im Darlington Provincial Park.

In solchen Nächten hieß es früh zu Bett gehen und viel anziehen. Nila hatte dann einen langärmeligen Body, ein T-Shirt, eine Strumpfhose, Socken, Pyjama, einen Babyschlafsack, eine Haube und Socken über den Händen an. Außerdem war sie ein Handtuch und unter unserer doppelten Decke eingewickelt. Birgit und ich hatten ähnlich viel an und so war allen warm. Heiße Nächte erlebten wir auf unserer Reise nie. Wie wir erfuhren waren diese Temperaturen aber eine Ausnahme und solange es nicht regnete konnten wir uns darauf einstellen. Ingesamt aber hatten wir vielleicht fünf sehr kalte Nachte, der Reste der Reise war angenehm.

Abschließende Gedanken

In Summe war es sehr viel einfacher als gedacht mit Baby unterwegs zu sein. Nila passt sich gut an unseren Rhythmus an und wir uns an ihren. Nach etwa zwei Wochen waren wir sehr eingespielt und kaum etwas hat uns überrascht. Selbst gelegentliche Museumsbesuche mit Nila im Tragegurt waren gut möglich und sie konnte mit dem Schnuller meistens beruhigt bzw. vom Plaudern abgehalten werden. Im Nachhinein frage ich mich, was mir überhaupt Sorgen gemacht hat. Natürlich muss jeder sein Kind selbst einschätzen, aber ich denke man kann ihm auch mehr zutrauen, als man sich allgemein vorstellen würde. Es geht nur darum sich selbst auf das eigene kleine Abenteuer einzulassen.

Weitere Blog-Beiträge zu unserer Reise:

Mit Baby verreisen, Teil 1: Die Vorbereitungen
Drei Tage mit Baby gestrandet am JFK – Austrian & Lufthansa kümmert das wenig
Mit Baby verreisen, Teil 3: Das Resümee

Mit Baby verreisen, Teil 1: Die Vorbereitungen

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Nur weil wir Eltern sind, heißt das nicht, dass wir nicht mehr reisen können. Wir haben uns schon während der Schwangerschaft fest vorgenommen mit unserer Babytochter Nila zu verreisen. Und nun stehen wir kurz davor. Wir werden fünf Wochen im Campervan durch die USA und Kanada touren. Nila wird dann neun Monate alt sein. Hier erzähle ich über unsere Vorbereitungen – von der Route, Art des Reisens, unseren Erwartungen, Bedenken und was wir alles bei unserem ersten Abenteuer als Familie für unser Baby mitnehmen werden.

Die Vorgeschichte und der rechte Zeitpunkt

Birgit und ich reisen schon immer sehr gerne und haben als bisherigen Höhepunkt Anfang 2013 eine dreimonatige Weltreise nach Indien und Neuseeland unternommen. Zur Hochzeit wünschten wir uns Geld zum Auffüllen unserer Reisekasse und das soll natürlich verbraucht werden. Nach Kanada wollten wir schon lange, auch die Ostküste der USA zu sehen steht auf unserem Wunschzettel.

Auch als Eltern möchten wir unseren Lebensstil als Reisende nicht aufgebend – anpassen ja, aufgeben nein. Und der Zeitpunkt ist gerade jetzt besonders günstig. Birgit ist in Karenz, ich kann mir als Selbständiger längere Urlaube einteilen und Nila ist dann mit neun Monaten noch leicht mitzunehmen. Sie wird nicht mehr gestillt, schläft mittlerweile durch und kann noch nicht krabbeln. Aber selbst, wenn all diese Dinge nicht so wären, wäre es für uns kein Grund daheim zu bleiben. Mit einem Baby können wir so noch am ehesten so reisen wie wir möchten, ohne „Kinderprogramm“. Und in Summe kommt diese Gelegenheit so zumindest sehr lange nicht wieder. Also: jetzt oder nie. Mit diesen Gedanken haben wir um die Weihnachtszeit 2014 unsere Flüge für Mai 2015 gebucht.

Reiseplanung

Unsere grobe Route sieht so aus: Mit Direktflug von Wien nach New Ark starten wir unsere Reise Mitte Mai bei New York. Dort übernehmen wir den Campervan. Über die Niagarafälle geht es nach Detroit und dann in Kanada über Toronto nach Montréal, vielleicht auch noch bis Quebéc. Über New England mit Boston reisen wir dann zurück nach New York. Für die Zeit im Camper haben wir 29 Tage geplant. Abschließend werden wir in New York noch fünf Tage mit Airbnb verbringen. In Summe sind wir fünf Wochen unterwegs.

Beim Planen unserer Reise ist es uns wichtig möglichst flexibel zu bleiben. Deshalb haben wir nur eine grobe Route festgelegt. Ausgestattet mit Reiseführern und dann lokalen Infos entscheiden wir auf dem Weg im Detail was wir unternehmen werden. So haben wir die einfache Möglichkeit an einem Ort länger zu bleiben oder vielleicht schneller weiterfahren. Außerdem ist es uns wichtig Spielraum zu lassen, damit wir sehen können welches das richtige Tempo ist mit Nila zu reisen.

Wie wir campen werden

Wir haben uns fürs Campen entschieden um flexibel und preisgünstig möglichst viel sehen zu können. Nordamerika ist mit zahlreichen National- und Stateparks, öffentlichen und privaten Campingplätzen ideal dafür ausgestattet. Doch campen ist nicht gleich campen. Zelten kam für uns wegen des Arbeitsaufwandes und der Wetterabhängigkeit nicht in Frage. Ein vollausgestattetes Luxuswohnmobil wollten wir ebenfalls nicht wegen des schwerfälligen Manövrierens und da man es in der Stadt auch nur schwer bis gar nicht fahren kann. Also haben wir uns für etwas dazwischen entschieden: einen Escape Campervan.

Foto: escapecampervans.com
Foto: escapecampervans.com

Escape Campervan kannten wir bereits aus Neuseeland. Dort waren wir mit einem ebenfalls einen Monat unterwegs und fanden diese Art zu reisen sehr angenehm. Im Prinzip sind es außen immer anders besprayte und innen umgebaute Vans (in unserem Fall ein Ford Mavericks). Im Kofferraum hat man eine kleine Küche mit einer Abwasch samt mechanischer Wasserpumpe, einem herausnehmbaren Gaskocher, natürlich auch Küchenutensilien und Geschirr. Im Innenbereichen kann man entweder einen Tisch aufstellen oder die Rückbank umklappen und ein Bett daraus bauen. Wir mögen die Einfachheit des Systems und natürlich die coolen Graffiti.

Unsere Erwartungen und unsere Art des Reisens

Unserer Grundhaltung beim Reisen ist: Wir müssen nicht alles sehen (geht ja ohnehin nicht) und Power-Sightseeing ist ebenfalls nicht unser Ding. Es ist uns wichtiger entspannt unterwegs zu sein und die Atmosphäre eine Ortes wahrzunehmen, als möglichst viel auf der Gesehen-Liste abzuhaken.

Wir erwarten auf jeden Fall, dass es anders sein wird mit einem Baby zu reisen, als zu zweit. Lange Museumsbesuche, für Stunden in einem Kaffee sitzen und lesen oder pausenlose Langstreckenfahrten wird es nicht spielen. Wir müssen auf die Bedürfnisse einer dritten Person Rücksicht nehmen, die uns einfach überstimmt. Wir werden versuchen vorwiegend in Nilas Schlafphasen zu fahren und rechnen mit häufigeren Pausen zum Spazieren, Essen oder Herumkrabblen. Wir werden in Summe also versuchen einen möglichst abwechslungsreichen Tag zu haben.

Wir wissen noch nicht genau wie das aussehen wird, sind uns aber sicher, dass es gut laufen wird. Wir werden also bestimmt anders Reisen, aber wir werden reisen. Und es wird sicher eine Zeit dauern bis wir uns alle auf den Reisemodus eingestellt haben werden.

Was wir konkret vorhaben:

  • Nationalparks besichtigen
  • Kleinere Wanderungen unternehmenen
  • Durch die interessanten Städte bummeln und ein bisschen einkaufen
  • Vielleicht einmal ein Museum besuchen
  • Einfach Zeit am Campingplatz und in der Natur verbringen

Sorgen oder Bedenken?

Wenn wir von unserer Reise erzählen hören wir häufig Kommentare wie „mutig“, „so lange weg“ oder „so weit“. Diese Dinge breiten uns aber alle weder Sorgen noch Bedenken. Nila braucht nichts Besonderes außer Essen, Schlaf, saubere Windeln und natürlich Liebe und Zuwendung. Und das geht überall. Wir sind bei ihr, sie richtet sich nach den Umständen. Mit neun Monaten ist für sie alles normal, wenn wir dabei sind und ihre Bedürfnisse gestillt werden.

Dann hören wir auch immer wieder Bedenken, wie „was ist, wenn Nila krank werden sollte?“ Aber das kann sie auch daheim werden und dann müssen wir einfach zum Arzt gehen, falls nötig. Und die gibt es auch dort. Wir reisen nach Nordamerika, nicht in einen menschenleeren tropischen Dschungel.

Ein weiterer häufiger Kommentar ist auch: „So lange fliegen mit einem Baby“. Natürlich ist der etwa zehnstündige Flug nichts worauf ich mich besonders freue, hier frage ich mich am ehesten, wie sich Nila verhalten wird. Vielleicht wird es supereinfach, vielleicht anstrengend. Doch irgendwie wird die Zeit schon rumgehen und da müssen wir dann einfach durch. Der Gewinn dann fünf Wochen verreist zu sein ist uns dieses Risiko aber allemal wert.

Was wir für unser Baby mitnehmen

Zum Abschluss noch ein praktischer Teil: Auch wenn es bei manchen Reihenhaussieldungsfamilien anders aussieht, aber ein Baby braucht nicht viel. Folgendes werden wir auf unsere Reise für Nila mitnehmen. In Summe lässt es sich in einen halben Wanderrucksack verstauen.

  • Nilas Reisepass
  • Kleidung für etwa sechs Tage (für kaltes und warmes Wetter) sowie Pyjama, Regenjacke, Haube und Sonnenhut
  • Eine Wickeltasche mit ein paar Windeln, Feuchttücher und Hipp-Gläschen für den Flug und den ersten Tag. Nachschub werden wir vor Ort kaufen bzw. selbst kochen
  • Ein Fläschchen zum Trinken im Flugzeug bei Start und Landung (Druckausgleich) und täglich in der Früh sowie eine Thermoskanne
  • Pflegeprodukte wie Sonnencreme, kleines Körperöl und Nagelschere (Babynägel wachsen wie Unkraut)
  • Mutter-Kind-Pass, eCard und ein paar Medikamente bei Zahnungsschmerzen oder Fieber sowie einen Fieberthermometer
  • Unsere Maxi Cosi Babyschale für Flugzeug und Auto (der von Escape Campervans angebotene Kindersitz ist für Nila noch zu groß)
  • Einen Buggy, der sich kompakt zusammenlegen lässt, für die Stadt und Spaziergänge
  • Ein Beko Tragegurt für Wanderungen oder Museumsbesuche – ist leicht und lässt sich sehr klein zusammenlegen
  • Eine kleine Decke (1 × 1 m) zum Krabbel/Zudecken/Verdunkel
  • Eine sehr kleine Auswahl an drei bis vier Spielsachen (es ist eh alles andere interessanter als das eigene Spielzeug)
  • Kuschelhase Lotte

Nun sind es nur noch ein paar Tage bis wir unsere Reise antreten werden. Diese verbringen wir in freudiger Aufregung und gespannter Erwartung auf unseren ersten großen Trip als Familie.

Weitere Blog-Beiträge zu unserer Reise:

Mit Baby verreisen, Teil 2: Im Camper durch die USA und Kanada
Drei Tage mit Baby gestrandet am JFK – Austrian & Lufthansa kümmert das wenig
Mit Baby verreisen, Teil 3: Das Resümee

Wir sind 86/60. Oder: Wie mein Mentor zu meinem Geschäftspartner wurde

Wir sind 86/60. Oliver Schöndorfer & Michael Holzer

Vor über einem halben Jahr habe ich mit meinem Kollegen Michael Holzer ein neues Unternehmen gegründet: 86/60. Nach langjähriger Zusammenarbeit und Freundschaft war dieser Schritt nicht ganz einfach. Michael, 26 Jahren älter als ich, war mein Mentor. Ich arbeitete viel für ihn, lernte noch mehr und setzte ihm als Mentor einen gewissen Heiligenschein auf. Mit ihm in eine Partnerschaft auf Augenhöhe zu kommen, war für mich also ein spannender Prozess. Hier erzähle von dieser Zeit des Übergangs.

Wie alles begann

Michael und ich kennen einander seitdem ich im Sommer 2006 ein Praktikum bei ihm absolviert habe. Damals hatte ich gerade mein erstes Studienjahr abgeschlossen und wollte mehr über den realen Alltag als Gestalter lernen und wie man Kunden für gutes Design sensibilisiert. Das konnte ich bei Michael erfahren, bekam von Anfang an Verantwortung und spannende Aufgaben, aber vor allem fand ich in Michael einen Mentor. Mit seiner Erfahrung und seinem strategischen Denken gab er mir Hilfestellung bei vielen praktischen Dingen, wie beim Umgang mit Kunden, Planen von Prozessen oder Fällen von Entscheidungen.

Gestärkt durch die Erfahrungen bei Michael und noch während meines Studiums machte ich mich im anschließenden Frühjahr 2007 selbständig. Ich startet mit meinen eigenen ersten Kunden, arbeitete aber auch immer wieder an Projekten von Michael mit ihm gemeinsam. Mit den Jahren wurden die Aufgaben und Projekte größer und wir wurden zu einem richtig guten Team. Immer wieder waren wir uns einig, dass wir doch mehr zusammen machen sollten. Wie dieses „mehr“ sein könnte, war uns aber nicht ganz klar und so blieb es bei der projektbezogenen Zusammenarbeit.

Ein Leben in einer größeren Agentur als Angestellter kam für mich nicht in Frage. Andererseits wollte ich aber auch nicht mehr alleine weitermachen.

In den letzten Jahren wurde ich etwas unzufrieden mit meiner beruflichen Situation. Etwa vierzig Prozent arbeitete ich für andere Büros als freier Art Director, die restlichen sechzig Prozent direkt für meine Kunden. Das Freelancen machte mir Spaß, doch ich wollte auf keinen Fall in eine einer Agentur in eine Anstellung gehen oder mich mehr an eine binden. Mir war und ist es wichtig meine eigenen Weg zu gehen. Andererseits wollte ich aber auch nicht mehr alleine weitermachen. Nach sechs Jahren alleine sah kaum noch Entwicklungsraum für mich und kein Potenzial für Wachstum. Und jemanden anzustellen kam für mich überhaupt nicht in Frage, ich möchte nicht die Verantwortung übernehmen jemand anderen finanzieren zu müssen. Ich möchte bei meinen Entscheidungen für Projekte frei bleiben.

Vom Mentor zum Partner

Zum Jahreswechsel 2013/2014 setze ich mir zum Ziel mich beruflich neu auszurichten (was auch immer das damals heißen mochte). Jedenfalls war ich wachsam auf mögliche Veränderungen. Und die kamen. Anfang 2014 kam ein Projekt zum Redesign einer Website, bei dem sich die Kundinnen wünschten, dass auch Michael im Team ist (er hatte sie früher betreut und ich habe sie vor zwei Jahren von ihm übernommen). Ich dachte das würde sicher wie immer reibungslos laufen, da wir ja seit langem zusammenarbeiten. So war es dann aber doch nicht ganz und ich war irritiert, warum es auf einmal mit Michael gemeinsam schwerer war, als sonst.

Ich beschäftigte mich lange damit, bis mir plötzlich auffiel, was der Grund war, warum Michael und ich nicht schon früher als Partner zusammen arbeiteten. Bisher war Michael mein Freund und Mentor. Ich arbeitete für ihn, nicht er für mich. Es waren immer seine Projekte, er holte mich dazu. Auch wenn ich immer stark involvierte war, hatte Michael die Führung. Und bei diesem Projekt hatte sie auf einmal ich, nicht er. Eine für mich ungewohnte Situation.

Dabei war es nicht Michael, der die Führung nicht abgeben konnte oder wollte, ich konnte sie einfach nicht nehmen. Denn mein Bild von ihm als „unfehlbarer“ Mentor war so stark, dass es mich zurückhielt meine eigenen Potenziale zu leben. Ich musste ihn erst einmal von dem Heiligenschein, den ich ihm aufgesetzt hatte befreien, um auch seine Schwächen sehen zu können. Dadurch wurden mir meine Stärken deutlicher bewusst und schließlich worin wir einander unterschieden und ergänzen konnten. Dieser Prozess fiel mir anfangs schwer, doch es war absolut notwendig, damit wir als Partner nun gleichwertig zusammenarbeiten können.

Aus Zeichenschatz und Einvoll wird 86/60

Wir hatten das Thema am Tisch und wussten, was uns die Jahre zuvor abgehalten hatte mehr zusammen zu arbeiten. Froh über diese Erkenntnis war es auf einmal ganz klar, dass wir ein neues Unternehmen zusammen gründen werden. In vielen Treffen haben wir sehr gründlich über unsere jeweiligen Vorstellungen geredet, denn eine solide Partnerschaft kann nur mit absoluter Ehrlichkeit beginnen. Im Anschluss folgte die formalen Grundlagen. Wir setzen einen Gesellschaftsvertrag auf, gründeten eine OG und informierten unsere Kundinnen und Kunden über die Fusion.

Die Partnerschaft verändert alles – der Blick auf die Dinge ändert sich, auch die Verantwortung.

Mittlerweile arbeiten wir seit Juni 2014 offiziell als 86/60 und haben bereits einige Projekte in dieser neuen Konstellation abgeschlossen. Anfangs dachte ich, die Zusammenarbeit wäre wie vorher, doch die Partnerschaft verändert alles. Der Blick auf die Dinge ändert sich, auch die Verantwortung. Ich bin nicht mehr alleine meinen Kundinnen und Kunden und mir gegenüber für mein Handeln verantwortlich, ich bin es auch Michael gegenüber und er mir. So gesehen ist es komplexer geworden.

Doch die vielen Vorteile und Vereinfachungen überwiegen den anfänglichen Herausforderungen. Wir sind zu zweit flexibler in größeren Projekten, unsere Kapazitäten sind gewachsen und wir können einander vertreten, wenn der eine nicht da ist. Aber am wertvollsten ist, worin wir einander ergänzen, persönlich wie handwerklich. Michael hat z.B. ein wunderbares Gefühl für Fotografie, Film und Bildsprache, ich für Layout, Typografie und Kalligrafie. Es ist schön einen Partner zu haben mit dem die Projekte gemeinsam besser werden, wir uns gemeinsame Ziele setzen können und gemeinsam wachsen.

Auch nach über einem halben Jahr gibt es Dinge, die sich noch einspielen müssen, andere Herausforderungen, auf die wir stoßen, neue Abläufe, die wir definieren müssen. Das wird es wahrscheinlich immer geben und das ist gut so. Und es funktioniert, weil es uns beiden wichtig ist, dass wir uns weiterentwickeln.

26 Jahre trennen uns, gleiche Werte verbinden uns und verschiedene Talente ergänzen uns. Als 86/60 sind wir stärker, haben einen weiteren Blick und viel mehr Potenzial. Es tut mir nicht leid um Zeichenschatz, es war einfach Zeit für den nächsten Schritt. Ich schaue voll Stolz zurück und voll Freude nach vorne. Wir sind 86/60. Freunde gepflegter Kommunikation.

Die ersten Wochen als Vater

Nila und ich

Vor etwas mehr als sieben Wochen kam meine Tochter Nila zur Welt, unser erstes Kind. Es war ein schlicht unbeschreiblicher Moment. Was ich vorher in Filmen für kitschig und banal hielt wurde auf einmal real, war fühlbar und unglaublich schön. Nach der ersten Eingewöhnung hier ein paar meiner Gedanken über verfrühte Sorgen, anfängliche Überforderung und zuerst etwas zögerliche Vatergefühle.

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Ein Jahr unterrichten an der Graphischen

Meine Abendkollegklasse an der Graphischen

Vor etwas mehr als einem Monat ging mein Unterrichtsjahr an der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt (oder einfach nur der Graphischen) in Wien zu Ende. Für neun Wochenstunden, kompakt an einem Dienstag gebündelt, unterrichtete ich drei Klassen mit Menschen im Alter von siebzehn bis vierzig Jahren. Es war ein schöne und lehrreiche Zeit. Hier möchte ich rekapitulieren, was ich davon mitgenommen habe.

Meine Abendkollegklasse an der Graphischen

Lernen durch Lehren

Als ich im Mai letzten Jahres aus dem Nichts einen Anruf erhielt, ob ich nicht an der Graphischen Webdesign unterrichten möchte, wusste ich noch nicht, was auf mich zukommen würde. Neugierig sagte ich zu und nach intensiven Vorbereitungen erhielt ich im September 2013 aus der Abteilung Grafikdesign die vierten Klassen der Oberstrufe, den zweiten Jahrgang im Kolleg und den dritten Jahrgang im Abendkolleg.

Ich wurde damit beauftragt die technischen Grundlagen für das einfache Gestalten einer Website zu vermitteln. Also im Prinzip HTML und CSS. Doch Technik war schon lange nicht mein Kerngebiet. Seit mehr als sieben Jahren hatte ich mich nicht mehr damit beschäftigt und meinen Fokus auf Konzeption und Entwurf gelegt. Und dennoch traf sich diese Aufgabenstellung gut, denn im Frühjahr 2013 hatte ich mir auch vorgenommen mich wieder mehr damit zu beschäftigen, um noch besser gestalten zu können.

„Man lernt erst wirklich wenn man lehrt.“

So lernte ich HTML und CSS im letzten Sommer wieder von vorne. Und was ich nicht alles dabei lernen durfte (davon abgesehen, wie viel sich in den letzten Jahren getan hatte). Besonders schön war, dass es richtig Sinn hatte mich gründlich damit auseinander zu setzen. Ich musste es schließlich wirklich verstehen, wenn ich es anderen erklären sollte. Der Spruch „Man lernt erst wirklich wenn man jemandem etwas lehrt“ traf voll und ganz auf die Situation zu.

Auch wenn es um Technik ging, es wurde von einem Gestalter vermittelt und es war nicht mein Ziel aus meinen Studierenden Techniker zu machen. Sie sollten einfach soviel von der Technik verstehen, wie es notwendig ist, um einen guten Entwurf zu machen. Dadurch arbeitet man auch automatisch besser mit Programmierern und Programmiererinnen zusammen, weil man die selbe Sprache spricht und Verständnis für Möglichkeiten und Grenzen entwickelt.

Es war interessant zu sehen, wie sich die selben Anfängerfehler und Missverständnisse wiederholten. So konnte ich meine Vorträge und Beispiele nach und nach optimieren. Ich erkannt auch, dass das persönliche Feedback auf die individuelle Situation immer noch am weitesten brachte, gerade am Anfang.

Anleiten zur Selbständigkeit

Zuerst dachte ich, es würde am schwierigsten werden die Dinge gut zu erklären. Doch bald erkannte ich, dass die eigentliche Herausforderung an einer ganz anderen Stelle lag: in den Aufgabenstellungen und Übungen. Wie kann ich Übungen und Aufgaben so gestalten, dass man sich selbst mit einem Thema auseinandersetzen muss und dabei seine persönlichen Erfolge hat? Dass man auf dem Weg an Grenzen stößt und diese zu erweitern lernt?

Wer richtig googlen kann kommt richtig weit

Am Anfang waren meine Übungen noch sehr einfach, im Prinzip nur ein Wiederholen des zuvor von mir Gezeigtem und Erklärtem. Nach einem Ratschlag von einem Kollegen baute ich bald immer mehr Stellen ein, die eigenes Recherchieren im Web erforderten. Schlussendlich ist das die wichtigste aller Eigenschaften – sich selbst Wissen und Informationen aus dem Web aneignen. Ich habe zur Vorbereitung dieses Unterrichtsjahres nichts anderes gemacht. Nach zahlreichen Tutorials, Artikeln und ein paar eBooks wurde mein Verständnis immer tiefer. Und natürlich habe ich auch meine Developer mit der einen oder anderen Frage konsultiert.

Ich wurde nicht müde auf Google zu verweisen und davon zu schwärmen, wie großartig es ist, dass all dieses Wissen einfach so im Internet herumliegt und man es sich nur zu nehmen braucht. Wenn ich das kann, könnt ihr das auch und in welcher Branche ist das denn sonst noch so? Ich machte kein Geheimnis daraus, wenn ich selbst etwas nicht wusste oder einen Befehl vergas. Es ist keine Schande Dinge zu vergessen, es ist nur eine Schande nicht nach Antworten zu suchen.

Was ich mitnehmen konnte

Es war ein gutes und lehrreiches Jahr, das unglaublich schnell verging. Etwa die Hälfte des Reizes an dieser Aufgabe war die Herausforderung mir selbst das Wissen aneignen zu müssen. Nach einem Jahr habe ich das Gefühl, mich jetzt so gut auszukennen wie noch nie. Und es fällt mir leicht Prototypen für meine eignen Entwürfe zu bauen und dadurch noch effizienter mit meinen Developern zusammen zu arbeiten.

Es hat aber vor allem Spaß gemacht die Begeisterung für die Flexiblität des Webs weiterzugeben und zu sehen, was sie mit einigen anstellt. Die Studierenden, Schülerinnen und Schüler waren großteils sehr engagiert, neugierig und fordernd. Die Kolleginnen und Kollegen an der Graphischen waren freundlich und unterstützend. Ich durfte viele interessante Menschen kennenlernen.

So tut es mir nun auch leid nach einem Jahr wieder aufzuhören, jetzt wo die Grundlagenarbeit geschaffen ist. Doch in den nächsten Tagen erwarten wir unser erstes Kind, und damit ändern sich auch meine Prioritäten. Mir ist die Flexibilität der freien Zeiteinteilung wichtiger, als die Sicherheit einer Anstellung verbunden mit verpflichtenden Arbeitszeiten (auch ein Grund, weshalb ich selbständig bin). Mir wird die Graphische fehlen und vielleicht werde ich mich eines Tages dort wieder finden. Doch jetzt stelle ich mich auf die noch größere Lehraufgabe im Leben ein: auf das Vatersein.

 

 

Decentralize Camp Düsseldorf

Für mich hatte der Begriff „Decentralize“ bisher keine sonderliche Relevanz, eigentlich war mir unbekannt was sich dahinter verbirgt. Bis vor zwei Wochen, als am 21. Mai 2014 beim Decentralize Camp in Düsseldorf diesem Thema eine ganze Veranstaltung mit Vorträgen und Sessions gewidmet wurde. Fast alles daran war für mich als Designer neu aber dennoch nicht fremd oder schwer nachzuvollziehen. Hier ein paar unzusammenhängende Erkenntnisse, die ich mitgenommen habe.

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